Faszination Mornellregenpfeifer

für Christian

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Der Mornellregenpfeifer (Charadrius morinellus), oft auch kurz Mornell genannt, ist für viele Vogelverrückte etwas ganz Besonderes. Für manche ist es „der“ Vogel schlechthin. Und auch vielen Laien ist er zumindest vom Namen her bekannt („der Vogel in der Hand“) – obwohl er bei uns eigentlich gar nicht vorkommt und nur auf dem Zug von seinen skandinavischen Brutgebieten ins nordafrikanische Winterquartier kurz in Mitteleuropa Halt macht. Muß also ein außergewöhnlicher Kerl sein.

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Ich hatte im Sommer letzten Jahres zum ersten Mal das Vergnügen mit der Art. Bei einem Besuch in Nordschweden (Blog-Artikel hier) hatte ich den lieben Mitreisenden einen Kasten Bier versprochen, falls wir einen Mornell finden würden. Und auf einem sehr unwirtlichen Bergrücken, auf dem sich sonst kein Vogel herumtrieb, klangen dann plötzlich Rufe aus der Luft und der Sehnsuchtsvogel landete in unserer Nähe.

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Vordergründig ist das Besondere am Mornellregenpfeifer seine geringe Scheu, auf schlau kann man auch Prädatorennaivität dazu sagen. Manche Individuen laufen tatsächlich nicht davon, sondern nähern sich dem Beobachter neugierig bis auf wenige Meter. Daher rührt übrigens das Artepitheton morinellus = kleiner Narr. Auch die Brutbiologie ist außergewöhnlich, bei dieser Art trägt nämlich das Weibchen das prächtigere Kleid und überläßt das Brutgeschäft weitgehend dem Männchen. Der Mornell brütet in einer flachen Mulde in karger Landschaft, und wir waren total hingerissen von dem wunderschönen zutraulichen Vogel, der sich eine so lebensfeindliche Umgebung aussucht, um darin seine Jungen aufzuziehen.

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Nach der großartigen Begegnung in Schweden (die, wieder zu Hause, natürlich entsprechend begossen wurde) dauerte es mehr als ein Jahr, bis ich wieder Mornells sah. Der Durchzug dieser Vögel geht sehr unauffällig in wenigen Tagen über die Bühne. Dabei ziehen sie meist in kleinen Gruppen, häufig zu dritt bis sechst, nicht selten auch einzeln. Wenn sie nicht nonstop ziehen – was im Frühjahr offenbar häufiger der Fall ist als im Herbst – dann machen sie regelmäßig auf traditionellen Rastplätzen halt. Diese sollten möglichst offen, weithin exponiert und mit ganz niedriger Vegetation bewachsen sein, so wie es der Mornell auch in seinem Brutgebiet liebt. In Mitteleuropa sind es merkwürdigerweise frisch abgeerntete Ackerflächen, die den rastenden Mornells besonders zusagen. Zuweilen rasten auch welche auf den Spitzen der Mittelgebirge. Zu bescheidener Berühmtheit hat es darüberhinaus der Cassonsgrat in den Schweizer Alpen gebracht, da auch dort sehr regelmäßig rastende Mornells beobachtet werden.

Während des diesjährigen Herbstzugs hatte ich Glück und konnte einen Dreiertrupp Mornells auf einem frisch abgeernteten Acker in der südlichen Oberrheinebene beobachten. Es waren ein adulter und zwei diesjährige Vögel. Auf dem Acker sind sie zwar nicht ganz so hübsch anzuschauen wie im schwedischen Fjäll, das Licht war Mist und ich war auch bei weitem nicht so nah dran… aber die Freude, die Mornells jetzt auch mal während des Durchzugs abgepaßt zu haben, war riesig.

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Als fleißige Leser des Blogs wißt ihr natürlich schon, daß es noch eine Fortsetzung gibt – ich hatte sie im vorangehenden Beitrag ja schon angekündigt. Mitte September war ich zusammen mit Joachim, Torsten und Christian am Niederhorn in der Schweiz, und die erhofften Steinböcke waren nicht aufzutreiben. Christian hatte, das darf ich hier hoffentlich erzählen, in den zwei vorangegangenen Wochen intensivst nach rastenden Mornells gesucht und keinen einzigen gesehen. Und dann, auf dem Rückweg zur Hütte nach erfolgloser Steinbocksuche, saß da im Licht der Stirnlampe ein Vögelchen auf dem Pfad…! Ein Mornell! Nein! Ja, doch! Ja!

(Leider gibts davon keine Bilder. Wir sind mit freudestrahlenden Gesichtern, uns gegenseitig unserer Ergriffenheit versichernd, in einem weiten Bogen um den Mornell herumgelaufen, damit er sich auf keinen Fall gestört fühlen möge. Außerdem hatten wir noch über eine Stunde Fußmarsch vor uns und schon ordentlichen Hunger.)

Am nächsten Morgen hielten wir’s kaum aus und marschierten zügig dahin, wo wir gestern im Dunkeln den Vogel gesehen hatten. Er war noch da!

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Und er blieb da, den ganzen Tag. Das Wetter war recht durchwachsen, immer wieder zog Nebel auf und gegen Nachmittag fing es an zu regnen, sodaß der junge Mornell – daß es ein diesjähriger war, sahen wir nun im Tageslicht mit Bestimmtheit – seinen Weiterzug noch aufschob. Er widmete sich ausgiebig der Suche nach Würmern und ruhte sich immer wieder für längere Zeit aus. Interessant war dabei sein Verhalten uns Fotografen gegenüber. Bei der Nahrungssuche mochte er wohl nicht abgelenkt werden und hielt meist knapp zehn Meter Abstand, es sei denn, man saß ganz still herum, dann stolzierte er uns teilweise fast auf die Füße. In den Ruhephasen hingegen suchte er sich meist einen hübschen Stein im Windschatten und nickte mehrmals weg, während wir um ihn herum saßen. Zeit für das berühmte Pölking-Zitat: „Es gibt kein größeres Kompliment für einen Naturfotografen, als wenn Tiere vor ihm einschlafen.“

Ich finde es immer großartig, soviel Zeit mit einem Vogel verbringen zu können und seine Gewohnheiten kennenzulernen. Solang er auf Nahrungssuche war, hielten wir uns zurück und warteten, ob er vielleicht zufällig in unserer Nähe vorbeitrippelte. Sobald er wieder eine Pause machte und – offenbar ziemlich desinteressiert an uns vieren – still herumsaß, versuchten wir neue Aufnahmen zu machen. So entstanden im Lauf des Tages an die 700 Bilder.

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Abends und in der Nacht war das Wetter dann so fies, dass wir recht sicher waren, unseren Mornell auch am Morgen wieder zu treffen. Bei diesen Bedingungen würde er nicht abgezogen sein. Und in der Tat schien er etwas unterhalb eines kleinen Gipfels fast auf uns gewartet zu haben und lief in der durchbrechenden Morgensonne hin und her.

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Das Wetter war an diesem Tag viel besser. Auch das Verhalten des Mornells änderte sich. Er hielt deutlich mehr Abstand von uns und fraß viele Würmer, um sich vor dem Weiterflug noch kräftig zu stärken. Als ob er sich seiner Abzugrichtung vergewissern wollte, hielt er sich bis zum späten Vormittag auf einer hohen Kuppe auf, von der er freie Sicht hatte. Wir mußten dann abreisen, und bestimmt ist auch der kleine Mornell bald aufgebrochen. Bevor wir gingen, wünschten wir ihm von Herzen eine gute Reise. Vielleicht sieht man sich ja wieder, auf einem Acker?

 

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3 Responses to “Faszination Mornellregenpfeifer”


  1. 1 Torsten Bittner 28. November 2014 um 11:04

    Sehr schön zusammengefasst Lukas! Die Bildauswahl ist natürlich auch klasse 🙂

  2. 2 Tim van der Meer 14. März 2016 um 13:43

    Ganz Geil¡ Christian hat mir diese Geschichte immer und immer wieder erzählt. Gut geschrieben¡ Ich liebe diesen art….


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