Unsichtbar, giftig oder wehrhaft…

Überlebensstrategien gibt es viele. Gerade bei Insekten kann man eine bemerkenswerte Vielfalt beobachten: Es gibt giftige; giftig aussehende; ungiftige, die aber ungenießbar aussehen; giftige, die uninteressant aussehen; welche, die sich unsichtbar machen; besonders wehrhafte oder gut geschützte und weiß Gott was für Viecher noch. Da meine Tätigkeit hier zu einem guten Teil auch diese Themen berührt, lerne ich glücklicherweise viele interessante Spezies so „nebenher“ kennen und habe manchmal die Möglichkeit zu Bildern. Ich glaube, daß es hier insgesamt noch mehr Überlebenskünstler gibt als in Mitteleuropa – es gibt einfach viel mehr Arten und daher auch viel mehr, die wiederum bestimmte andere Tiere fressen oder parasitieren oder sich umgekehrt davor schützen müssen. Diesem Evolutionsdruck entsprechend steigt der Grad der Spezialisierung und führt zu den verrücktesten Sachen.

Das hier ist zum Beispiel ein tagaktiver Nachtfalter aus der Unterfamilie der Bärenspinner – und keine Wespe. Mein Praktikum dreht sich ja größtenteils um Bärenspinner und besonders interessant sind die sogenannten Wespenmotten. Diese ahmen das Aussehen von echten Wespen unwahrscheinlich gut nach, wie man sieht: Außer der gelbschwarzen Zeichnung durchsichtige Flügelschuppen, nachgemachte Flügeladerung, Wespentaille, eine leichte Falte am Vorderflügel (wie bei Faltenwespen = Vespidae), die durch dickere Schuppen simuliert wird und bei dieser Art sogar noch verlängerte Hinterbeine. Außerdem nehmen die Wespenmotten als zusätzlichen Schutz sekundäre Pflanzenstoffe auf, sodaß Freßfeinde sie nicht nur optisch, sondern auch geschmacklich und möglicherweise sogar olfaktorisch verschmähen. Das abgebildete Exemplar fingen wir vor etwa einer Woche und gehört eventuell einer bisher nicht beschriebenen Art an.

Die Wanzen der Art Thasus acutangulus sind ein anderes Beispiel für chemischen Schutz. Sie sehen als Larve extrem bunt aus und sind durch Giftstoffe vor Beutegreifern geschützt. Nach der letzten Häutung verlieren sie allerdings sämtliche Warnfarbe und sind vielmehr unscheinbar braungrau. Ihren Schutz haben sie vermutlich dann immer noch, aber offenbar ist es dann nicht mehr notwendig, ihn so offen zu präsentieren. Da sie oft in Gruppen leben, könnte es sein, daß die jungen, aggressiv gefärbten Tiere genug Warnung sind und die alten in ihrer Gesellschaft dann auch nicht mehr angegriffen werden. Vielleicht funktioniert das auch ökologisch ganz anders, wer weiß – Tatsache ist nur, daß dieser Trick funktioniert…

Sich unsichtbar zu machen, ist eine andere Möglichkeit. Eine, die auch vom einen oder anderen Jäger benutzt wird – so z.B. von Gottesanbeterinnen. Die Arten der Gattung Choeradodis sehen von oben aus wie ein paar Blätter, sitzen bewegungslos in der Vegetation und warten darauf, vorbeilaufende Insekten zu schnappen. Dieses Exemplar kam zufällig auf unsere Terrasse geflogen. Wir haben es vermessen und beim Freilassen noch kurz fotografieren können.

Bei einer ganz anderen Art ist vor allem die Ernährung interessant: Die Wespe Pempis sp. macht Jagd auf Taranteln, paralysiert diese und schleppt sie zu einem Bodennest. Dort werden die Eier abgelegt und die schlüpfenden Larven nähren sich zunächst von der bewußtlosen Spinne. Die Wespe selbst ist riesig – allein der Körper etwa 7cm – , daher hat man beim Fotografieren schon einen gewissen Respekt.

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1 Response to “Unsichtbar, giftig oder wehrhaft…”


  1. 1 Walter Thiess 17. September 2012 um 07:37

    Lukas,

    das ist alles total faszinierend! Dass die Gottesanbeterin dort sogar Haube und Schürze trägt, um sich nicht nur farblich, sondern auch geometrisch an die Umgebung anzupassen, ist verrückt.

    Gestern auf dem großen Tauffest mussten wir natürlich vielen von dir berichten. Wir hatten eine Art Hochsommertag und waren bis zu unserer Abfahrt nach Einbruch der Dunkelheit im Garten. Nun soll hier der Herbst kommen – aber vorher noch die Photokina.

    Herzlich Grüße!

    W


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