Die Welt der Flügelschuppen

In den letzten Tagen habe ich unter anderem versucht, ein paar schöne Detailaufnahmen von Schmetterlingsflügeln zu machen. Die Vielfalt der Farben, Formen und Strukturen ist verblüffend und teilweise wirklich exotisch – die Bilder sprechen für sich, denke ich. Da man es den Bildern ja nicht ansieht, an dieser Stelle der Hinweis, dass die Bilder unter kontrollierten Bedingungen entstanden sind. Die meisten zeigen vom Licht angelockte Falter und wurden abends mit Blitz freihand aufgenommen. Der Eulenfalter und der Morpho wurden in einer Freiflugvoliere fotografiert.

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Unsichtbar, giftig oder wehrhaft…

Überlebensstrategien gibt es viele. Gerade bei Insekten kann man eine bemerkenswerte Vielfalt beobachten: Es gibt giftige; giftig aussehende; ungiftige, die aber ungenießbar aussehen; giftige, die uninteressant aussehen; welche, die sich unsichtbar machen; besonders wehrhafte oder gut geschützte und weiß Gott was für Viecher noch. Da meine Tätigkeit hier zu einem guten Teil auch diese Themen berührt, lerne ich glücklicherweise viele interessante Spezies so „nebenher“ kennen und habe manchmal die Möglichkeit zu Bildern. Ich glaube, daß es hier insgesamt noch mehr Überlebenskünstler gibt als in Mitteleuropa – es gibt einfach viel mehr Arten und daher auch viel mehr, die wiederum bestimmte andere Tiere fressen oder parasitieren oder sich umgekehrt davor schützen müssen. Diesem Evolutionsdruck entsprechend steigt der Grad der Spezialisierung und führt zu den verrücktesten Sachen.

Das hier ist zum Beispiel ein tagaktiver Nachtfalter aus der Unterfamilie der Bärenspinner – und keine Wespe. Mein Praktikum dreht sich ja größtenteils um Bärenspinner und besonders interessant sind die sogenannten Wespenmotten. Diese ahmen das Aussehen von echten Wespen unwahrscheinlich gut nach, wie man sieht: Außer der gelbschwarzen Zeichnung durchsichtige Flügelschuppen, nachgemachte Flügeladerung, Wespentaille, eine leichte Falte am Vorderflügel (wie bei Faltenwespen = Vespidae), die durch dickere Schuppen simuliert wird und bei dieser Art sogar noch verlängerte Hinterbeine. Außerdem nehmen die Wespenmotten als zusätzlichen Schutz sekundäre Pflanzenstoffe auf, sodaß Freßfeinde sie nicht nur optisch, sondern auch geschmacklich und möglicherweise sogar olfaktorisch verschmähen. Das abgebildete Exemplar fingen wir vor etwa einer Woche und gehört eventuell einer bisher nicht beschriebenen Art an.

Die Wanzen der Art Thasus acutangulus sind ein anderes Beispiel für chemischen Schutz. Sie sehen als Larve extrem bunt aus und sind durch Giftstoffe vor Beutegreifern geschützt. Nach der letzten Häutung verlieren sie allerdings sämtliche Warnfarbe und sind vielmehr unscheinbar braungrau. Ihren Schutz haben sie vermutlich dann immer noch, aber offenbar ist es dann nicht mehr notwendig, ihn so offen zu präsentieren. Da sie oft in Gruppen leben, könnte es sein, daß die jungen, aggressiv gefärbten Tiere genug Warnung sind und die alten in ihrer Gesellschaft dann auch nicht mehr angegriffen werden. Vielleicht funktioniert das auch ökologisch ganz anders, wer weiß – Tatsache ist nur, daß dieser Trick funktioniert…

Sich unsichtbar zu machen, ist eine andere Möglichkeit. Eine, die auch vom einen oder anderen Jäger benutzt wird – so z.B. von Gottesanbeterinnen. Die Arten der Gattung Choeradodis sehen von oben aus wie ein paar Blätter, sitzen bewegungslos in der Vegetation und warten darauf, vorbeilaufende Insekten zu schnappen. Dieses Exemplar kam zufällig auf unsere Terrasse geflogen. Wir haben es vermessen und beim Freilassen noch kurz fotografieren können.

Bei einer ganz anderen Art ist vor allem die Ernährung interessant: Die Wespe Pempis sp. macht Jagd auf Taranteln, paralysiert diese und schleppt sie zu einem Bodennest. Dort werden die Eier abgelegt und die schlüpfenden Larven nähren sich zunächst von der bewußtlosen Spinne. Die Wespe selbst ist riesig – allein der Körper etwa 7cm – , daher hat man beim Fotografieren schon einen gewissen Respekt.

Am Pazifik

Gestern gab’s einen Tag Pause von den Schmetterlingen. An einer wunderschönen einsamen Bucht an der Westküste verbrachten wir einen tollen Vormittag. Ich könnte mich glatt dran gewöhnen, stundenlang im warmen Wasser zu liegen und den Geiern über mir zuzuschauen – da ich aber unglücklicherweise die Fotosachen mithatte, mußte ich wohl oder übel die ganze Zeit herumrennen und alles mögliche knipsen, Entspannung war nicht möglich. Einen gutaussehenden Sonnenbrand gab’s noch dazu, weil ich beim besten Willen nicht rechtzeitig ans Einschmieren denken konnte. Der Strand an sich war schon richtig schön, mit unwahrscheinlich vielfältigen Strukturen im Gestein und einer tollen Sicht über die urwaldgesäumte Bucht. Außerdem kreisten ständig Fregattvögel, Raben- und Truthahngeier, Braunpelikane und ein Karakara (ein merkwürdiger habichtähnlicher Greifvogel mit langen Beinen) über uns, und am Spülsaum liefen verschiedene Watvögel herum, welche auf dem Zug aus Nordamerika hier vorbeikamen.  Hab ich teilweise noch gar nicht bestimmen können. Es dauerte zwar ein wenig, bis die Objektive aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit nicht mehr wie wild beschlugen, aber in der verbleibenden Zeit machte ich trotzdem über 500 Aufnahmen…

Man müßte eigentlich mal abends hin, um bessere Landschaftsbilder zu machen. Allerdings kommen dann an dieser Stelle meterlange Kaimane an Land, und denen sollte man wohl besser aus dem Weg gehen. Und außerdem ist wie so oft hier auch die Zugänglichkeit ein Problem: Die Stelle ist nur 20km entfernt, aber selbst mit einem tauglichen Geländewagen brauchten wir über eine Stunde hin.

Im Wald

Wir sind hier schon ziemlich ab vom Schuß. Das nächste kleine Dorf mit Einkaufsladen und Tankstelle, Santa Cecilia, ist acht Kilometer weg und nach Liberia, die nächste vernünftige Stadt, dauert es anderthalb Stunden. Trotzdem ist nicht alles um uns rum wildester Dschungel – das meiste Land wird leider gerodet und mit Teak, Orangen, Ananas oder dergleichen bepflanzt. Und doch findet man hier und da kleinere oder größere Patches unberührten Primärwald.

Für mich unerfahrenen Europäer gibt es da natürlich unwahrscheinlich viel Neues zu entdecken. Die Dichte der Vegetation ist unglaublich. Der Waldboden ist so gut wie nie zu sehen. Blätter gibt es in allen Grüntönen und in Abmessungen von winzig bis zu metergroß. Auf vielen Pflanzen sitzen wieder andere drauf oder ranken sich an ihnen hoch. Jedes Plätzchen wird irgendwie besiedelt. Das Blätterdach ist in viele vertikale Stufen unterteilt und fast komplett geschlossen. Und hat man keinen Pfad, so steht man vor einer undurchdringlichen grünen Wand. Größere Tiere sieht man vergleichsweise wenige, hört sie aber in den Baumkronen.

Ich würde gerne ein paar Bilder hinbekommen, die meine Faszination an solchen Waldstücken halbwegs rüberbringen. Bisher ist das mir aber sehr schwergefallen, denn in so differenzierten Strukturen kann man nicht leicht ein vernünftiges Foto gestalten. Heute mal ein paar Versuche – weitere werden folgen.

Neues aus dem Dschungel

Endlich komme ich heute mal wieder dazu, ein paar aktuelle Bilder zu zeigen. Momentan ist viel zu tun – dazu vielleicht beizeiten mal ein extra Post – und alles macht auch viel Spaß und ist interessant, deswegen habe ich in der letzten Woche nicht wirklich viel fotografiert. Ein paar Highlights gab es dann aber doch. Klar in einem Land, in dem man sich vor Motiven nicht retten kann…

Vor ein paar Tagen hörten wir beispielsweise einen Trupp Brüllaffen ganz nah, gingen dem Geschrei nach, fanden die Affen und konnten dann zu unserer Ergötzung stundenlang ihrem Treiben zuschauen. Fotografisch eine alles andere als einfache Angelegenheit, da man einen dunklen Affen vor hellem Himmel unmöglich vernünftig belichten kann und sich nur selten die Gelegenheit bot, in einem weniger steilen Winkel ein paar Blätter als Hintergrund einsetzen zu können. Aber phantastische Beobachtungen aus großer Nähe, und die Affen schienen von unserer Gegenwart nicht sonderlich beeindruckt. Man hört die Affen hier täglich irgendwo brüllen, aber es war erst das dritte Mal, daß ich überhaupt einen gesehen habe; und die anderen beiden Male waren es Einzeltiere, die sich rasch entfernten. Ich bin gespannt, ob wir die nochmal so schön zu Geischt bekommen.

Bei den Brüllaffen kam auch ein großer Trupp Montezuma-Stirnvögel (Gymnostinops montezuma) vorbei. An sich hier ebenfalls oft zu sehen, aber meist sitzen sie hoch in den Bäumen und geben dort ihre flötenden Laute von sich. Hier war es endlich möglich, mal welche halbwegs auf Augenhöhe zu fotografieren.

Ein ganz anderer Waldbewohner ist ein kleiner Anolis, den ich noch nicht sicher bestimmen konnte. Er bewegt sich im Gegensatz zu anderen Echsen eher springend als laufend fort und klettert gerne. Diesen hier entdeckten wir abends in einem niedrigen Bananenstrauch.

Zu guter Letzt noch ein hübsch kitschiges Bild: Der Wasserapfel (Syzygium malaccense), ein Baum mit angeblich sehr fad schmeckender Frucht und wertlosem Holz, blüht hier gerade sehr schön. Nach einem heftigen tropischen Regenguß lag die Hälfte der Blütenblätter auf dem Boden und färbte diesen pink, ein verrückter surrealistischer Anblick.

Damit bedanke ich mich für die Aufmerksamkeit, sage danke für die netten Antworten zum letzten Eintrag und auf Wiedersehen. Dran bleiben lohnt sich, hoffe ich jedenfalls 😉